Vor den Bildern
…vorher, ach woher

Der Raum: ich spüre die Bilder auf meinem rahmenlosen Körper, über dem gewölbten Bauch, an
der Innenseite der Schenkel, die Pobacken sind bedeckt, einige klemme ich mit ihnen zusammen,
kräftig, meine Brüste halte ich ihnen entgegen, damit sie sich anlehnen können, mit Löwenzahn-
gelben Strümpfen stehe ich auf ihrem vordergründigen Weiß, andere Töne darunter, spreize das
rechte Bein ab, stabilisiere mich mit dem großen Zeh. Mit meinen nach oben zeigenden Hand-
flächen wiege ich jeden Schattenkrümel der rauen Fasertapisserie, sie ist ein Gehirn in Fläche,
Gedanken streunend greif-und wägbar.
Mein Fundament ist kalt, aus einer Tiefe
steigt das kältere Dasein mir bis in
den Rumpf, drum kann ich weiter
oben träumen, dass jemand
einzog und starb,
wärmer.
              Für die Geräusche der hellen Kühlung bin ich immer zu haben, Rücken an Rücken, es wird
von mir verlangt, das ist heute eben so – nur, welches heute meint ihr denn?
Wenn ich abschweife,
dass jemand einzog
und schlief…
Fett und rund, mit Jahresringen aus Zeug, eines Tages fälle ich mich selbst als ob nichts gewesen
wäre, nie zuvor.

Die Bilder: ein feines Lächeln zeichnet sich ein, sanft für Stunden, Lippen und Lider sind Ufer eines
Zeitsees, Flüssiges steigt auf und ab, schwankend tastend ohne Lufthauch, sie heben zart ihre
Zeigefinger – ein Winken dem jungen Hasen im obersten Regal aus weißem Blech – punktiertes
Grün.
              Wir Bilder entstehen ja dort, wo der Himmel die Erde einfach so berührt, weil es nicht
anders sein kann. Augenblicklich ist Bild; und kein Gedanke an ein Entkommen (wozu auch?)
Bilder sind Wilde. Dass sie bei uns ein und aus gehen oder wir bei ihnen, täuscht über zahmes
Hängen und ihre Leidenschaften mit Untergründen hinweg. Bilder bleiben Wilde. Daher stellen
wir ihnen Fallen. Oder gehen in die ihren: wer ist hier wild?

Der Text: küsst des Raumes Nacken, will nichts, vorher, auch nicht nachher. Legt auf den weichen
Ärmel der Bilder die Stirn, ein Schmerz im Knie beruhigt den Schädel, innen schaukeln kleine
Boote… Wenn ich ein anderer wäre, einen halben Schritt, weniger einen Fingernagelmond weit
versetzt, flüsterte ich Euch vom Fenster: auf meinem Tisch arbeiten Blumen und Vasen, Bücher
nicken, Zwiebeln neigen sich mehr als ihnen innewohnt und graue Schachtel deckt die Maserung – das
ist Arbeit, dass etwas sich versammelt findet – und Strohsandalen mit tiefblauen Schnüren mir
geschenkt wurden zum Abschied.

Neulich hörte ich jemanden sagen:
Die Kunst ist verreist, macht Ferien, eine ganze Reihe von Jahren schon, vielleicht noch Jahrhunderte,
oder sie bleibt ganz dort, kommt nicht zurück. Und beginnt etwas Neues. Wir haben noch gar nicht
bemerkt, dass sie fort ist, war Euch das klar? Sie schreibt uns Ansichtskarten, groß wie Leinwände,
von der Sonne heran geweht, darauf mit farbigen Flüssen geschrieben, stehen dann Sätze wie:
‚Architektur greift ein ins Schicksal, sie bestimmt, wie unsere Wege sich kreuzen’ oder ‚Ich schlafe
über den Zwischenräumen, Kopf und Füße auf Malerei gebettet’ oder ‚Weit vor mir liegt die Wand.
Dahin schauen ohne Grund ist das Beste’. Das Umdrehen dieser Karten ist das Geschenk in Form
eines Grußes an uns … wir sehen, wie ein früher Löwe an der Küste an Land gekommen ist, der
Brandung entstiegen schüttelt sie/er sich die Salzkristalle aus Mähneund Fell…

Tobias Kraft, 2016